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Wolfram Kurz
Logotherapie als Psychotherapie
Logotherapie ist im Prinzip ressourcenorientierte Psychotherapie. Natürlich geht es in ihr auch um die
Beseitigung von Störungen, vorrangig noogen neurotischer Art. Aber im Prinzip geht es niemals allein
darum, Störungen, die aufgrund lang anhaltender Sinndefizite entstanden sind, zu beseitigen. Es geht
vielmehr besonders darum, so mit dem Patienten zu kommunizieren, daß er sich als sinnfühliges Wesen
wieder wahrnehmen kann, sofern seine Sinnorientiertheit und Sinnfühligkeit verschüttet sind. Und
dies, um den Patienten freizusetzen, die konkreten Sinnmöglichkeiten seines Lebens zu entdecken:
im Blick auf seine Person in ihren spezifischen Anlagen und Fähigkeiten und im Blick auf die ihm vorgegebene
Lebenssituation, in die er eingebunden und für die er verantwortlich ist. Psychotherapeutischer
Erfahrung entspricht es, daß eine Fülle psychischer Störungen verschwindet, sofern ein Patient
wieder eine lebensthematische Mitte gewinnt. Soll heißen: eine Lebensaufgabe, die seinen per-sönlichen Fähigkeiten und zugleich dem Aufforderungscharakter seiner konkreten Lebens-situation entspricht.
Eine Lebensaufgabe, die zu bewältigen bedeutet, daß ein Mensch diejenigen Sinnmöglichkeiten
realisiert, die zu realisieren ihm „in personaler Exklusivität“ (Frankl) abverlangt sind. Entscheidend
ist, daß der Patient sich nicht vorrangig von der Frage „Was bringt mir mein Leben?“, vielmehr von der
Frage leiten läßt: Was erwartet das Leben jetzt, in dieser konkreten Situation, von mir persönlich?
Demzufolge geht es darum, den Patienten für den sinnorientierten Aufforderungscharakter seiner je
eigenen Lebens-lage zu sensibilisieren. Dies setzt voraus, daß sich der Patient nicht vorrangig unter
negativem, vielmehr unter positivem Aspekt wahrzunehmen lernt. Nicht unter dem Aspekt, was er
alles nicht kann, nicht hat. Vielmehr unter dem Aspekt, was er trotz allem hat und kann. Auf seiten des Therapeuten ist in diesem Zusammenhang eine positive Erwartungs-haltung unabdingbar. Natürlich
auch die Fähigkeit, den Patienten nicht allein unter dem Aspekt seines Fehlerlebens und Fehlverhaltens
wahrzunehmen, vielmehr besonders auch unter dem Aspekt all der positiven inneren und äußeren
Möglichkeiten und Fähigkeiten, die ihn und seine Lebenssituation kennzeichnen, also in ressourcenorientierter
Absicht. Dies ist in psychotherapeutischer Hinsicht deshalb so wichtig, weil die einseitige
Störungsorientierung am Grundinteresse des Patienten vorbeigeht. Wie ist das zu verstehen?
Der Patient hegt in der Regel ein doppeltes Interesse. Ein vorrangiges und ein nachrangiges. Die Falle
der Therapie besteht darin, daß der Patient normalerweise das nachrangige Interesse formuliert.
Das vorrangige verschweigt. Natürlich will er seine Störung loswerden. Das aber ist sein nachrangiges
Interesse. Vorrangig ist sein Interesse, diejenigen positiven Lebensziele zu verwirklichen, die in ihrem
Zusammenspiel den Lebensentwurf des betreffenden Menschen ausmachen. Das aber sagt er zunächst
nicht. Wovon er berichtet, sind die Störungen. Entscheidend ist, daß der Therapeut weiß, daß
er die Störungen vor allem deshalb loswerden will, um wieder fähig zu werden, den je eigenen positiven
Lebensentwurf realisieren zu können. Deshalb muß sich der Therapeut im Sinne komplementärer
Beziehungsgestaltung nicht allein aufs Negative – die Störung –, vielmehr nachdrücklich aufs Positive – den Lebensentwurf – konzentrieren. Der Therapeut sollte vom Patienten als einer erlebt werden, der
ihm dabei hilft, immer deutlicher derjenige zu werden, der er eigentlich gerne sein möchte. Die Motivation,
an der Entstörung zu arbeiten, ist im wesentlichen in der Fundamentalmotivation menschlicher
Existenz begründet; nämlich: man selbst zu werden. Wesentlich zu werden. Konzentration auf den
Lebensentwurf, Entdeckung eines u.U. verschütteten Lebensentwurfs aber bedeuten immer Entdekkung
von Sinn. Denn im Entwurf wird Sinn anschaulich. Logotherapeutische Intervention ist in dieser
Hinsicht immer schon an der existentiell zentralen Absicht des Menschen orientiert.
Forschungsperspektiven
Therapeuten, die vorrangig störungsorientiert arbeiten, lassen sich von Interventionsformen leiten, die
nachweislich optimal bei einer bestimmten Störung sind. Therapeuten, die vorrangig ressourcenorientiert
arbeiten, lassen sich von den individuellen subjektiven und objektiven Lebensmöglichkeiten eines
Patienten beim Entwurf der therapeutischen Intervention bestimmen. Optimal ist es, Störungsorientierung
und Ressourcenorientierung so miteinander zu verbinden, daß daraus eine maßgeschneiderte
Therapie erwächst. Was fehlt, ist eine Systematik der Ressourcen, welche als heuristisches Instrument
zur Entdeckung derselben dienen könnte. Außerdem gilt es der Frage nachzugehen, was „maßgeschneiderte
Intervention“ im logotherapeutischen Feld bedeutet.
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