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Wolfram Kurz
Logotherapie und die Arbeitswelt
Sinn erschließt sich in Sinn-Zusammenhängen.
Das ist schon im hermeneutischen Kontext so: Der
Sinn eines Wortes erschließt sich im Zusammenhang eines Satzes. Der Sinn eines Satzes im Zusammenhang
eines Aufsatzes usf. Das gilt aber auch für den Kontext von Unternehmen und Institutionen:
Wir machen Sinnerfahrungen und die Erfahrung von Un-Sinn in sozialen
Zusammenhängen.
Im Zusammenhang der Familie. Im Zusammenhang der Schule. Und natürlich auch im Zusammenhang
der Arbeitswelt. Die Erfahrungen von Sinn und Widersinn im Kontext von Unternehmen sind aus
zwei Gründen besonders wichtig. Zum einen, weil wir dort sehr viel Lebenszeit – eine nicht regenerierbare
und deshalb immer wertvoller werdende Ressource – verbringen. Zum andern, weil wir Teile
unserer Identität in Institutionen aus-bilden und grundlegende Sinnmöglichkeiten an diesen Aspekt der
Identität gebunden erlebt werden. Gerade für die Menschen der hochindustrialisierten Gesellschaften ist die berufliche Identität entscheidend für die Erfahrung von Sinn. Eine sinnvolle Arbeit zu haben wird
von diesen Menschen als eminent wichtig erlebt. Arbeit zu verlieren aus diesem Grunde nicht selten
als persönliche Katastrophe.
Die Sinnproblematik spielt im Blick auf ein Unternehmen in vielerlei Hinsicht eine wichtige Rolle. Am
Anfang einer Unternehmensgründung steht immer eine Idee, gleichgültig ob ein spezifisches Produkt
oder eine besondere Dienstleistung angeboten werden soll. Die Real-isierung dieser Idee stellt den "Sinn" des Unternehmens dar und ist Ausdruck der Wert-vorstellungen der unternehmenden Subjekte.
Um die Unternehmensidee zu realisieren, bedarf es jedoch der Mitarbeiter, die ihre je eigenen Sinn-Vorstellungen
in Form von Lebensent-würfen in sich tragen. Daraus ergibt sich die logotherapeutische
Frage, wie man das Zusammenspiel von Führungspersönlichkeiten und Mitarbeitern im System "Betrieb" sinnvoll organisieren kann; und zwar unter der Maßgabe, daß alle am System beteiligten Subjekte
in ihrer Grundmotivation vom "Willen zum Sinn" bestimmt sind, aber u.U. ver-schiedene Sinn-Vorstellungen
haben. Das Zusammenspiel ist optimal, sofern sie ihr Wirken und Zusammenwirken im
Unternehmen nicht nur kurzfristig und partiell, vielmehr langfristig und im ganzen als sinnvoll erleben.
Dies ist der Fall, sofern die beteiligten Subjekte erfahren, daß sie sich im Kontext des Unternehmens
persönlich entwickeln können, indem sie ein Produkt oder eine Dienstleistung anbieten, das bzw. die
sie als wertvoll für sich und andere erleben. Das heißt: Zum einen muß man wahrnehmen, daß mit der
Dienstleistung, die man anbietet, oder mit dem Produkt, das man vertreibt, der Gesellschaft ein wirklicher
Dienst erwiesen wird. Zum andern muß man wahrnehmen, daß man im Zuge der Produktion von
Waren oder im Vollzug von Dienstleistungen die je eigene Persönlichkeit entwickeln kann. Das Bedürfnis
zu wachsen und sich zu entwickeln ist ein Bedürfnis des Menschen, das allen Detailbedürfnissen
zugrunde liegt: dem Bedürfnis nach Orientierung und Kontrolle. Dem Bindungsbedürfnis. Dem
Lustgewinn und
Schmerzvermeidungsbedürfnis. Dem Selbstwert-erhöhungsbedürfnis. Dem Explorationsbedürfnis.
Die wichtigste Ressource eines Unternehmens sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Soll eine
Unternehmensidee Erfolg haben, dann müssen die Mitarbeiter motiviert sein, die ihnen möglichen
Höchstleistungen zu erbringen. Sie sind motiviert, wenn sie im Betrieb erleben, daß ihren Sinn-Vorstellungen
entsprochen wird. Dabei machen sie potentiell Sinnerfahrungen im Prinzip auf zwei
Grundebenen und einer Metaebene: auf der Inhaltsebene und auf der Beziehungsebene. Und im Blick
auf das Zusammenspiel von Beziehungsebene und Inhalts-ebene in der Dimension der Entwicklung
ihrer Persönlichkeit. Die Inhaltsebene bezieht sich auf das Produkt und die Dienstleistung eines Unternehmens.
Die Beziehungsebene bezieht sich auf die Mitmenschen im Betrieb. Und natürlich macht
man potentiell eine Fülle von Sinner-fahrungen im Umgang von Kollegen oder im Anfertigen von Dingen
oder im Offerieren von Diensten. Entscheidend aber ist, daß man im differenzierten Zusammenspiel
von Interaktion und Produktion, in dem man mitspielt, wahrnehmen kann, daß man sich persönlich
weiter-entwickelt und in diesem Sinne wächst und reift. Denn dies ist die entscheidende Erfahrung
von Sinn.
Im übrigen ist logotherapeutisches Denken im Unternehmen in einer Fülle von weiteren Perspektiven
wichtig. Zwei seien hervorgehoben. Zum einen sollten die Personen an der Spitze eines Unternehmens
präzise zwischen Führung und Management unterscheiden. Führung ist im Prinzip sinnorientiert. Wer ein Unternehmen führt, muß für das Angebot begeistern können. Und zwar so begeistern
können, daß der Mitarbeiter seinen Beitrag zur Erstellung eines Produkts oder zu einer Dienstleistung
als sinnvoll erlebt. Erlebt er ihn so, dann ist er motiviert, eine entsprechende Leistung zu erbringen.
Führung ist demzufolge motivationsorientiert. Sie wirbt dafür, sich für gemeinsame wertvolle Unternehmensziele
einzusetzen. Sie erklärt die Sinn-Ziele
des Unternehmens. Sie überzeugt, daß es sich
lohnt, diese Ziele zu verfolgen. Sie stellt sich auf die Mitarbeiter so ein, daß sie sich mit den Unternehmenszielen
identifizieren können.
Ist Führung im Prinzip sinnorientiert, so ist Management im Prinzip zweckorientiert. Um sinnvolle Ziele
zu erreichen, muß man ein System von zweckvollen Arbeitsgängen organ-isieren. Aufgabe des Managements
ist es, einen optimalen Weg zu finden, ein vorgegebenes Ziel zu erreichen. Die einzelnen
Etappen dieses Weges sind die aufeinander zu beziehenden Zwecke, um eine Zielvorstellung zu verwirklichen.
Gründet jemand beispielsweise einen Verlag mit dem Ziel, relativ unbekannte Literatur, die
ihm wertvoll erscheint, einem breiten Publikum zu vermitteln, dann genügt es nicht, dieses Ziel zu
haben. Er muß vielmehr ein Lektorat, eine Druckerei, eine Werbeabteilung, einen Vertrieb u.v.a. etablieren, um den Sinn des Unter-nehmens zu verwirklichen. Die genannten Teilelemente des Verlags haben den Zweck, dem Unternehmensziel zu dienen. Die in den Subsystemen des Verlags beschäftigten
Personen werden allerdings ihr Leistungspotential nur dann in den Dienst des Unternehmens
stellen, wenn sie ihre Idee von einem sinnvollen Leben mit der Leitidee des Unternehmens in Einklang
bringen können. Oder einfach: Sie müssen sich mit dem Sinn des Unternehmens identifizieren können.
Dies ist nur dann der Fall, wenn sie zumindest einen Teil ihrer Vor-stellung vom sinnvollen Leben
im Kontext des betrieblichen Systems zu aktualisieren in der Lage sind.
Forschungsperspektiven
Unternehmen sind darauf hin zu prüfen, ob und wie sie der Grundmotivation aller Beteiligten, welche
eben im "Willen zum Sinn" auf den Begriff kommt, entsprechen bzw. widersprechen. Was getan werden
muß, um den einzelnen so ins betriebliche System zu integrieren, daß er sich so entwickeln kann,
daß er das "Glück" persönlichen Wachstums erlebt und zugleich etwas zur Erhaltung und Weiterentwicklung
des Unternehmens beiträgt. Insbesondere ist das Augenmerk auf das sinnvolle Zusammenwirken
von Mitarbeitern in Arbeitsgruppen zu richten. Entscheidend ist nicht allein die individuelle Ausstattung
eines Mitarbeiters, vielmehr die optimale Passung im Kontext der Gruppe. Zu erforschen ist,
wie eine Gruppe sinn-vollerweise personell zusammengesetzt sein sollte, um hocheffektiv im Blick auf
ein Unter-nehmensziel zusammenzuwirken. Es gibt Menschen, die genaue Arbeitsanweisungen brauchen,
dann aber höchst exakt agieren. Es gibt Menschen, die quer zum vorgegebenen Unternehmen
denken, exzellente Ideen für die Zukunft entwickeln, aber für die tägliche Routine zur Erhaltung eines Betriebs weitgehend ungeeignet sind. Es gibt Menschen, die mit Menschen sehr gut umgehen können,
aber in der Sache nicht selten Fehler machen. Es gibt Menschen, die über eine hohe Sachkompetenz
verfügen, denen es aber an sozialer Kompetenz mangelt. Es ergibt sich die Frage, wie man
sinnvollerweise eine Gruppe zusammenstellen sollte, so daß die beteiligten Personen Sinn in optimaler
Weise zusammen realisieren. Kollegen sollten dies wahrnehmen: Wir brauchen uns, weil wir uns
ergänzen. Weil wir uns ergänzen, schätzen wir uns gegenseitig. Indem wir unsere Schwächen gegenseitig
ausgleichen und uns in unseren Stärken potenzieren, realisieren wir die uns verbindenden Ziele
optimal.
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