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Wolfram Kurz
Logotherapie und Allgemeinpädagogik
Wenn es der Wahrheit entspricht, daß der Mensch im Prinzip dasjenige Wesen ist, das sein Leben
sinnvoll gestalten und als sinnvoll erleben will, dann ist im Blick auf die Erziehungs-institutionen zu
fragen, ob und wie sie diesem anthropologischen Grundsachverhalt gerecht werden. Im Blick auf die
Schulen wäre zu fragen, ob und wie sie es ermöglichen, daß sowohl Schüler als auch Lehrer in genügendem
Maße Sinnerfahrungen machen. Eine nicht regener-ierbare und deshalb immer wertvoller
werdende Ressource ist Lebenszeit. In unseren Schulen beanspruchen wir einen Großteil der Lebenszeit
junger Menschen. Verantwortlich mit der Zeit von Schülern und Lehrern umzugehen bedeutet,
ihnen Gelegenheit zu geben, Leben in der Schul-Zeit
sinnvoll zu gestalten. Die mögliche Sinnhaftigkeit
oder auch Widersinnigkeit von Schule hängt an den Grund-Zielen,
die sie verfolgt; zum Beispiel
am Leben-Lehren. An der Binnenorganisation der Schule und ihrer Eignung, dieses Grundziel auch zu
erreichen. An den Stoffen, die vermittelt werden. An der Art, wie sie vermittelt werden. An der Weise,
wie die zwischenmenschlichen Beziehungen in der Institution Schule gestaltet werden.
Schule soll Leben lehren. Lehrer sollen jungen Menschen diejenigen Kompetenzen vermitteln, die es
ihnen erlauben, in der Welt als ihrem Leben gewährenden Raum ein Leben zu führen, das sie als
sinnvoll empfinden. Dabei geht es um die wechselseitige Bewahrung. Die Welt gilt es zu bewahren,
damit der Mensch zu seiner Wahrheit komme. Den Menschen gilt es zu bewahren, damit die Welt zu
ihrer Wahrheit komme. Die Wahrheit von Mensch und Welt aber ist ihre jeweilige Bestimmung: nämlich
diejenigen Lebensmöglichkeiten zu aktualisieren, die das je eigene Leben als sinnvoll erfahren
lassen, weil sie zugleich etwas zur Erhaltung, Entfaltung und Steigerung anderen Lebens beitragen.
Wir wollen eine Welt, die dem Menschen Leben gewährt, indem sie als Grundlage der Erhaltung, Entfaltung
und Steigerung menschlichen Lebens dient. Und wir wollen einen Menschen, der die Welt
nicht nur um seinetwillen, vielmehr auch um ihretwillen bewahrt, weil er sie in ihrer Zartheit, Schönheit,
Eigenwilligkeit und in ihrem Zauber als Subjekt erlebt. Etwas als Subjekt zu erleben aber bedeutet, es
als dem willkürlichen Zugriff entzogen zu erleben. Wer in dieser Beziehung dennoch Willkür walten
läßt, zerstört sich letztlich selbst.
Will Schule ihrem vornehmsten Auftrag, nämlich Leben zu lehren, gerecht werden, dann wird sie heute
diesen Auftrag in Korrespondenz zur Grundaufgabe der gegenwärtigen Menschheit formulieren und
erfüllen müssen: nämlich zur Aufgabe der Eroberung einer menschen-würdigen Zukunft. Jedem Schüler
müßte die Grundaufgabe, um deretwillen er eine Schule besucht und um deretwillen er die mit
Lernen verbundene Anstrengung auf sich nimmt, voll bewußt sein. Er müßte wissen, daß er in einer
Welt lebt, von der er lebt. Er müßte wissen, daß diese Welt in vielfältiger Weise bedroht ist und mit ihr
die Menschheit und mit ihr er selbst. Er sollte aber erleben, daß die Gesellschaft im Mittel ihrer Schulen
Institutionen bereitstellt, in denen diejenigen Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt
werden, die geeignet sind, die destruktiven Entwicklungen zu durchschauen und die Bewahrung der
Welt zu ermöglichen. Der Grund-Sinn
von Schule wäre demzufolge Welt-Bewahrung
zum Zwecke der
Eroberung einer menschenwürdigen Zukunft. Die Schule bedarf demzufolge heute der kosmopolitisch-ökologischen
Grundlegung. Schule hätte nun eine jedermann unmittelbar einleuchtende Grundaufgabe.
Und die Identifikation des Subjektes mit dieser Aufgabe wäre angesichts der Weltlage dringend
notwendig und in diesem Sinne objektiv wertvoll. Das ist das eine. Zum andern gewährt die individuelle
Wahrnehmung einer objektiv wertvollen Aufgabe auf der Seite des Subjektes Sinnerfüllung. Ist der
Mensch seiner Essenz nach ein Wesen auf der Suche nach Sinn, dann sollte ihn vor allem die Schule,
die ihm ja beim Erwerb der Kompetenz zu wesentlichem Menschsein helfen müßte, als sinnorientiertes
Wesen wahrnehmen. Müdigkeit, Interesselosigkeit, ja die totale Verweigerung, Flucht in die Subkultur,
Flucht in die Droge, Flucht in die Aggression sind nur zu verständlich angesichts der Ohnmacht,
Angst und Hoffnungslosigkeit, in die man die jungen Menschen treibt, sofern man ihnen die Zeit
stiehlt, die sie dringend bräuchten, um diejenigen inneren und äußeren, intellektuellen, handlungsmäßigen,
charakterlichen und einstellungsmäßigen Kompetenzen zu erwerben, die sie zur Eroberung
ihrer lebenswerten Zukunft benötigen.
Es ist merkwürdig, daß wir auf der einen Seite eine faszinierende Welt vorfinden: geheimnisvoll darin,
daß sie ist. Erhaben in ihren Naturphänomenen. Schön in ihrer Vielfalt an Materialien, Gestalten, Formen,
Farben. Ästhetisch in ihrer Struktur. Höchst gefährdet durch den vom Menschen geschaffenen
künstlichen Kosmos. Gekennzeichnet durch eine Fülle faszinierender kultureller Ausdrucksformen.
Und auf der anderen Seite zum Teil gelangweilte, desinteressierte, aggressive, rauschgiftsüchtige,
nihilistische, denkfaule, gefühllose Jugendliche und Erwachsene. Zu fragen ist, was die Bildungsinstitutionen
tun, um den jungen Menschen für die Faszination, den Zauber, das Geheimnis, die Ästhetik,
die Zusammenhänge der Welt zu erschließen. Was sie tun, um den jungen Menschen ein lebendiges
Gefühl für die Wert- und Sinnhaftigkeit der Welt in ihrer Ganzheit und in der Fülle ihrer Einzelphänomene
zu vermitteln.
Im übrigen könnte das jedermann einleuchtende Grundziel der Schule, nämlich alle An-strengung auf
den Gewinn von Zukunft zu richten und die einzelnen Fächer vorrangig unter diesem Aspekt zu unterrichten,
zu einer eminenten Verlebendigung des Schullebens führen. Die Erfahrung, eine zwar schwere,
aber lohnende Aufgabe übernommen zu haben. Die Er-fahrung, nicht nur verantwortlich zu sein,
dieser Verantwortung vielmehr auch durch Arbeit zu entsprechen. Die Erfahrung, nicht vielerlei und
Zusammenhangloses, vielmehr vieles im Hinblick auf ein wesentliches Ziel zu tun. Die Erfahrung,
nicht nur allein für sich, sondern auch für die anderen, nicht allein für die Gegenwart, vielmehr auch für
die Zukunft zu arbeiten – diese Erfahrungen sind tragende Sinn-Erfahrungen.
Forschungsperspektiven
Die kosmopolitisch-ökologische
Begründung der Schule im Blick auf die Aufgabe: Junge Menschen fit
zu machen, eine menschenwürdige Zukunft zu erobern, und zwar so zu erobern, daß ihr gegenwärtiges
Leben schon jetzt als sinnvoll erlebt wird, erfordert die Erstellung neuer Curricula. Die Stoffe der
geisteswissenschaftlichen, der natur- und
sozialwissen-schaftlichen Fächer müßten unter diesen leitenden
Gesichtspunkten aufgeschlüsselt und neu zusammengestellt werden. Es müßte eine Theorie
der Erziehung unter dem Aspekt der Globalisierung der Welt entworfen werden.
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