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Wolfram Kurz
Logotherapie und Theologie
Es gibt eine Affinität zwischen Logotherapie und Theologie. Sie liegt im beidseitigen Interesse an der
Sinn-Kategorie.
Die Sinnfrage ist zwar nicht identisch mit der Gottesfrage.
Treibt man die Sinnfrage
jedoch immer weiter voran, dann mündet sie in die Gottesfrage. Frankl zufolge kann Sinn durch Arbeit realisiert werden. Das anthropologische Symbol dieser Sinndimension
ist der homo faber, der arbeitende Mensch. Prinzip dieser Dimension ist Produktivität. Sinn
kann aber auch durch Erlebnis verwirklicht werden. Durchs Erlebnis des Schönen in Natur und Kunst.
Durchs Erlebnis der Einzigartigkeit eines Menschen, den ich liebe, in besonderer Weise. Deshalb
ordnet Frankl dieser Sinndimension das anthro-pologische Symbol des homo amans, des liebenden
Menschen, zu. Prinzip dieser Dimension ist Rezeptivität. Und Sinn kann realisiert werden durch die
Weise, wie ein Mensch sein Schicksal durchsteht. Menschen geraten immer wieder in Grenzsituationen,
wenn sie leiden müssen, wenn sie kämpfen müssen, wenn sie sterben müssen. Dann stellt sich
die Frage, ob der Mensch auch in Grenzsituationen dem Leben Sinn abgewinnen kann; z.B. wenn er
irreparable Schicksalsschläge hinnehmen muß. Frankl zufolge kann er es nicht nur. Er kann in solchen
Situationen dem Leben vielmehr den größtmöglichen Sinn abtrotzen. Nämlich in der Weise und
durch die Weise, wie er sein Geschick trägt und verarbeitet. Wenn äußerlich nichts mehr zu machen
ist, kann man ein übles Geschick u.U. dennoch innerlich bewältigen. Sinn in dieser Dimension wird
durch eine humane Einstellung verwirklicht. Das zugeordnete anthropologische Symbol ist der homo
patiens, der leidende Mensch. Prinzip dieser Dimension ist Habitus, Haltung.
Die drei Sinndimensionen – verbunden mit schöpferischen Werten, Erlebniswerten, Einstellungswerten – können von jedermann realisiert werden. Ihr Prinzip ist Arbeit. Humane Einstellungen kann man
sich erarbeiten. Eine differenzierte Erlebnisfähigkeit muß man sich erarbeiten. Und schöpferische
Tätigkeit ist natürlicherweise mit Arbeit verbunden. Aber es gibt auch Sinnerfahrungen, die nicht erarbeitet
werden können, die vielmehr donativen Charakter haben. Ereignen sie sich, dann ereignen sie
sich geschenkweise. Mit ihnen befaßt sich die Theologie. Worum handelt es sich?
Der Mensch fragt nach den äußersten Grenzen, den Tiefen und den Höhen seines Lebens. Woher
komme ich ursprünglich? Was ist der innere Grund dafür, daß ich bin? Wohin gehe ich letztlich, sollte
ich den Tod durchschreiten? Was trägt im Leben, wenn nichts mehr trägt? Was gibt mir Kraft, Tiefenereignisse,
die sich als Tiefenerlebnisse in mir spiegeln, zu durch-stehen? Wie gehe ich mit den existentiellen
Bestimmungsmerkmalen von Schuld, Entfremdung, Vergänglichkeit um? Was muß ich tun,
wer soll ich sein, daß mein Leben, trotz allem, gelingt? Es handelt sich um Fragen nach existentieller
Grundorientierung. Antwort-Angebote
auf diese Fragen geben die Religionen. Die Ausarbeitung der entsprechenden Antworten betreibt Theologie. Wer die lebensfreundlichen Antworten der christlichen
Religion annehmen und so für sich gültig setzen kann, versteht sich und sein Leben in besonderer
Weise: Er versteht sich als Geschöpf Gottes (kosmologischer Aspekt). Vom Grund des Seins entfremdet
(hamartiologischer Aspekt). Durch Jesus Christus versöhnt und eingeladen, sich in den Prozeß
des Reiches Gottes einzugliedern (soteriologisch-christologischer
Aspekt). Teilhaber am un-vergänglichen
Leben schon jetzt und in Erwartung der endgültigen Erfüllung der je eigenen Person und der
Geschichte im ganzen (eschatologischer Aspekt).
Zum Wesen des Menschen gehört die theoretische und praktische Intentionalität. Der Mensch hat das
Bedürfnis, sich, sein Leben, die Welt zu verstehen. Erst dann kann er Leben bestehen. Es gibt eine
Korrespondenz zwischen dem Reim, den er sich aufs Leben macht, und der Weise, wie er Leben
gestaltet. Es gibt eine Korrespondenz zwischen der Religion, deren Welt- und
Existenz-Interpretation
ich teile, und der Weise, wie ich mit dem Leben umgehe. Sinnvolle Auslegung von Existenz im Blick
auf einen letzten Grund des Seins (Gott) produziert man nicht. Man läßt sich von ihr betreffen, berühren,
bestimmen. Oder anders: Glaube hat den Charakter des Geschenks.
Forschungsperspektiven
Zu klären ist das Verhältnis zwischen den drei Franklschen Sinndimensionen und den theologischen
Sinndimensionen. Also: den Sinndimensionen, in denen der Mensch wirkt, und den Sinndimensionen,
die ihm im Glauben "aufgehen"; im Sinne eines lebensfreundlichen Systems der Orientierung im Blick
auf existentielle Grundfragen. Zu klären wäre auch das Verhältnis von innerweltlichen und transzendenten
Sinnerfahrungen. Es könnte sein, daß die vorläufigen Sinnerfahrungen hier, die "kleinen" Sinnerfahrungen
in der Perspektive des Glaubenden symbolischer Natur sind. Also Verweis- und
Repräsentanzcharakter
haben. Soll heißen: auf letztgültige Sinnerfahrungen hinweisen und sie vergegenwärtigen.
Das diesbezügliche Verhältnis wäre zu klären.
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