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Wolfram Kurz
Logotherapie und Religionspädagogik
Religion ist im Prinzip Interpretation menschlicher Existenz vor Gott. Religionspädagogik ist Theorie
einer bestimmten Praxis: nämlich Theorie religiöser Erziehung. Sie ist an der Frage orientiert: Was
muß man tun, um die lebensfreundlichen Auslegungen menschlicher Existenz vor Gott an die Menschen
so zu vermitteln, daß sie sie verstehen? Daß sie von ihnen existentiell betroffen werden? Daß
sie sie als Chance begreifen, ihr Leben im Blick auf die existentiellen Grundfragen als von Gott gewolltes,
von Gott entfremdetes, von Gott erlöstes und von ihm getragenes, erfülltes und zu vollendendes
Leben zu verstehen? Daß sie von dieser Leben eröffnenden Zusage berührt, ihr Leben annehmen
und sinnvoll gestalten? Die Aufgabe, der sich Religionspädagogik verpflichtet weiß, ist in anthropologischer
Per-spektive an einer Notwendigkeit orientiert, die im Menschsein des Menschen verankert ist.
"Jeder Mensch braucht, um Leben zu können, ein System der Orientierung und ein Objekt der Hingabe" (E. Fromm). Er muß sich, um es sehr einfach zu sagen, einen Reim auf sein Leben machen. Und
je nachdem, wie dieser Reim ausfällt, wird er sein Leben, das ihm ja nicht nur gegeben, vielmehr auch
aufgegeben ist, begreifen. Worin der Mensch die besondere Aufgabe seines Lebens erfaßt, hängt
allerdings ganz entscheidend an der Weise, wie er sein Leben versteht. Verstehen und Bestehen,
Theorie und Praxis, Orientierung und Hingabe sind wechselseitig aufeinander verwiesen.
In christlicher Perspektive sind die Leben schaffenden Interpretamente menschlicher Existenz vor Gott
geschichtlich vermittelt. Sie finden sich in den Schriften des Alten und Neuen Testaments: in Erzählungen,
in gesetzlichen, historischen und lyrischen Texten, in theo-logischer Briefliteratur zum Beispiel.
Da sie aus einem historischen Kontext stammen, der dem modernen Menschen fremd ist, müssen sie
in den modernen Kontext übersetzt und in ihrer existentiellen Bedeutung für den modernen Menschen
entschlüsselt werden. Diese Über- setzung leistet die Religionspädagogik zum einen unter Bezug auf
die Historische und Systematische Theologie, zum andern in bezug auf die Erkenntnisse der Allgemeinen
Päd-agogik. Der Übersetzungsprozeß kann nur gelingen, wenn beides berücksichtigt wird: der
alte Text und der moderne Mensch. Es macht einen Unterschied, ob ich die existentielle Be-deutung
theologischer Lebensinterpretationen einem Kind, einem jungen Erwachsenen, einem Greis, einem
Reichen, einem Armen, einem Gebildeten, einem einfachen Menschen vermitteln möchte. Die Situation
des jeweiligen Menschen ist präzise wahrzunehmen. Und dies vor allem unter entwicklungspsychologischer,
soziologischer, pädagogischer, lebensphilosophischer und biographischer Perspektive.
Bei aller Verschiedenheit der individuellen Situation aber gibt es ein verbindendes Element. Alle Menschen
aller Zeiten, welchen Situationen sie auch verhaftet sein mögen, sind im "Willen zum Sinn", also
in ihrer Grundmotivation miteinander verbunden. Genau an dieser Stelle leuchtet die eminente Bedeutung
der religionspädagogischen Arbeit und ihr Zusammenhang mit logotherapeutischem Denken auf.
Denn: Die theologischen Grundinterpretamente sind Sinn eröffnende Auslegungen menschlicher Existenz. Sie entsprechen durchgängig dem "Willen zum Sinn", der den Menschen kennzeichnet.
Es gibt im wesentlichen vier theologische Traditionsstränge, welche die wichtigsten theologischen
Interpretamente menschlicher Existenz vor Gott beinhalten. Die schöpfungs-theologischen Traditionen.
Die hamartiologischen Traditionen. Die soteriologischchristo-logischen
Traditionen. Die eschatologischen
Traditionen. Es handelt sich durchweg um Sinn eröffnende, das Leben in sinnvoller Weise auslegende
und in diesem Sinne um biophile Interpretationen menschlichen Lebens. Als Sinn eröffnende
Interpretamente von Existenz kommen sie dem Menschen unter dem Aspekt seines „Willens zum
Sinn“ entgegen.
Im Blick auf die schöpfungstheologischen Traditionen wäre in diesem Zusammenhang zu sagen: Es
macht einen Unterschied, ob ich mich als Zufall der Materie begreife, nicht weiß, woher ich erstlich
komme. Nicht weiß, wohin ich letztlich gehe. Oder ob ich mich und die Welt als Geschöpfe Gottes verstehe:
von ihm gewollt. Von ihm geliebt. Dazu bestimmt, Ebenbild Gottes zu sein.
Im Blick auf die hamartiologischen Traditionen (Harmatiologie: Lehre von der Sünde) wäre anzumerken: Es macht einen Unterschied, ob ich
den Menschen als durch und durch moralisches Wesen verstehe, das aber seine moralischen Maximen
merkwürdigerweise in der Tat so nachhaltig konterkariert, daß er nicht nur sich selbst und das
Zusammenleben mit anderen, vielmehr die Welt im ganzen immer wieder nachhaltig gefährdet. Oder
ob ich den trotz aller Moralität sich immer wieder durchsetzenden Wider-Sinn
und Wahn-Sinn
im privaten
und öffentlichen Leben als Ausdruck und Folge der Entfremdung zwischen Gott und Mensch verstehe; der Entfremdung, die die Theologie im Begriff der "Sünde" zu begreifen versucht.
Und bzgl. der christologischen Traditionen wäre zu bemerken: Es macht einen Unterschied, ob ich
mich als absurde Existenz, z.B. als Sisyphos verstehe, dessen Glück darin besteht, die Steine bewußt
zu wälzen und die Götter zu leugnen, und der nach dem Motto lebt: "Es gibt kein Schicksal, das durch
Verachtung nicht überwunden werden kann." (A. Camus, Der Mythos von Sisyphos, Hamburg 1959,
S. 99). Ober ob ich das Antlitz des wahren Menschen in Jesus Christus entdecke, der achtsam auf
diejenigen war, die im Schatten der Welt standen und – in der Sicht des Glaubens – durch den Tod
ins unvergängliche Leben auf-gehoben wurden.
Und im Blick auf die eschatologischen Traditionen wäre anzumerken: Es macht einen Unterschied, ob
ich mich mit den negativen existentiellen Grundbefindlichkeiten – Endlichkeit, Entfremdung, Schuldverfallenheit,
Fragmenthaftigkeit, Unerfülltheit – in tapferer Resignation abfinde, oder ob ich aus dem
Glauben an eine Neuschöpfung lebe, in der auch mein Leben zu seiner Erfüllung kommt, trotz allem.
Forschungsperspektiven
Der logotherapeutische Impuls für die Religionspädagogik besteht vor allem darin, den Menschen als
sinnorientiertes Wesen wahrzunehmen. Und zwar dadurch, daß man ihm zeigt, daß die den Glauben
konstituierenden Traditionen Sinn eröffnende Traditionen sind. Die das religionspädagogische Feld
immer noch beherrschende "problemorientierte Konzeption" muß ausbalanciert werden durch eine
sinnorientierte Konzeption religiöser Erziehung. Die Prinzipien dieser Konzeption sind formuliert. Es
gilt, sie nun in die einzelnen religionspäda-gogischen Arbeitsfelder zu übersetzen. Es geht dabei um
die Frage, wie man mit einem Menschen kommunizieren muß, damit er die Sinn eröffnenden theologischen
Interpretamente begreift, sich von ihnen her versteht und sein Leben so besser besteht: handle
es sich um Kinder, Jugendliche in der puberalen Ablösephase, junge Erwachsene oder um Menschen
mittleren oder späten Alters.
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