Logotherapie

  Institut für
    Logotherapie und
       Existenzanalyse
Tübingen / Wien

             Berufsbegleitende Ausbildung in Logotherapie und Existenzanalyse • Supervision • Selbsterfahrung • Coaching •              Persönlichkeitsbildung • Lebensberatung • Psychotherapie • Forschung • Verlag

Logotherapie und Seelsorge

Wolfram Kurz

Logotherapie und Seelsorge

Der Begriff der Seelsorge spielt auch im Rahmen der Logotherapie eine wichtige Rolle. Eines der bedeutendsten Bücher Viktor Frankls trägt den Titel " Ärztliche Seelsorge". Angesichts dieses Sachverhalts ist es zunächst nötig, theologisch verantwortete Seelsorge im Kontext der Kirche von ärztlich verantworteter Seelsorge im Kontext des Gesundheitswesens zu unterscheiden, um in einem zweiten Schritt die Bedeutung der beiden Weisen von Seelsorge füreinander herauszustellen.

Frankl zufolge haben alle Ärzte ärztliche Seelsorge zu leisten, sofern sie es mit Patienten zu tun haben, die ein nicht rückgängig zu machendes Leiden tragen müssen, die "austherapiert" sind. Es gilt dann, so mit dem Patienten zu sprechen, daß er sich mit seinem Leiden aussöhnt. Ärzte aller Fachrichtungen haben es mit Menschen zu tun, denen ein schicksal-haftes Leiden beschieden ist: der Chirurg mit körperbehinderten oder inoperablen Patienten. Der Neurologe mit sinnesbehinderten. Der Dermatologe mit entstellten. Der Internist mit unheilbar Kranken. In diesen Fällen besteht immer die Gefahr, daß der Patient mit seinem Schicksal zu hadern nicht mehr aufhören kann. Seine Gedanken kreisen permanent um sein Leiden, sein scheinbar zum Scheitern verurteiltes Leben. Und je länger dieses Kreisen anhält, desto mißmutiger und niedergeschlagener wird der Betroffene. In dieser Situation ist es nötig, so mit dem Patienten zu reden, daß er es lernt, mit seiner Leidenssituation optimal umzu-gehen. Im Prinzip geht es um Herstellung bzw. Wiederherstellung der Leidensfähigkeit. Ärztliche Seelsorge stellt sich als tröstendes Gespräch dar. Im Verlauf dieses Gesprächs soll der Patient erkennen, daß er im permanenten Kreisen um seine Leidenssituation unglaublich viel psychische Energie sinnlos vergeudet. Diese Energie könnte er nutzen, um zu entdecken, welche Sinnmöglichkeiten trotz des Leidens von ihm verwirklicht werden könnten. Er soll erkennen, daß seine Verzweiflung u.U. damit zusammenhängt, daß er einen bestimmten Wert – z.B. arbeiten zu können – verabsolutiert. Daß er also von einer wenig bekömmlichen Einstellung bestimmt wird. Angezeigt ist demzufolge Einstellungsmodulation. Der leidfixierte Blick muß gelöst werden. Die verbliebenen Sinnmöglichkeiten müssen erkannt werden. Im Extremfall kann der Mensch, in der Weise, wie er leidet, Schicksal, das äußerlich nicht mehr zu bewältigen ist, dennoch innerlich bewältigen. Denn rechtes Leiden ist Frankl zufolge immer eine besondere menschliche Leistung, Grund für menschliches Wachstum und Reifung und u.U. sogar eine grundlegende Bereicherung.

Auch die theologisch verantwortete Seelsorge im Kontext der Kirche ist Lebenshilfe. Allerdings in einem besonderen Sinne. Sie ist Lebenshilfe durch Glaubenshilfe. Zum Wesen des Menschen gehört Selbst-Transzendierung; nicht nur im horizontalen, vielmehr auch im vertikalen Sinne. Kennzeichen des Menschen ist es, über sich und alle verfügbaren Grenzen hinauszugehen und nach demjenigen zu suchen, das seinem Leben in unbedingter Weise Orientierung verleiht, Richtung gibt, für das zu leben eine unbedingte Sinnerfahrung ver-spricht. Der Mensch gibt sich nicht allein mit dieser oder jener vorläufigen Sinnmöglichkeit zufrieden. Er sucht vielmehr Orientierung, die zur unbedingten lebensthematischen Mitte werden kann. Zu einer Mitte, auf die hin seine gesamte Lebensgestaltung orientiert ist, und von der her sein gesamtes Leben als sinnvoll erfahren wird. Von einer solchen grundlegenden Mitte betroffen zu sein heißt: glauben. Paul Tillich formuliert: "Glaube ist der Zustand des Ergriffenseins durch das, worauf sich die Selbst-Transzendierung richtet: das Unbedingte in Sein und Sinn. Auf eine kurze Formel gebracht, kann man sagen: Glaube ist Ergriffensein durch das, was uns unbedingt angeht ... In diesem formalen Sinne von Glauben als unbe-dingtem Anliegen hat jeder Mensch Glauben, denn es gehört zum Wesen des menschlichen Geistes – im Sinne der Selbst-Transzendierung des Lebens – auf etwas Unbedingtes bezogen zu sein." (Systematische Theologie Bd. III, Stuttgart 1966, S. 155). Die Tragik des Menschen besteht darin, daß er Unbedingtes sucht, Bedingtes findet und das Bedingte mit dem Un-bedingten verwechselt. Geschieht dies, dann ereignet sich dämonischer Glaube. Wenn ein Volk, fasziniert von einer Führergestalt, sich dieser in unbedingter Weise ausliefert, wird der Glaube an den Führer zur Dämonie. Entscheidend ist, daß im Menschen ein Glaube entsteht, wachsen und reifen kann, der das Leben erhält, Leben steigert und im Menschen die be-gründete Hoffnung weckt, daß auch sein Leben zu seiner letzten Erfüllung kommt. Ein Glaube, der im Prinzip "Zustand des Ergriffenseins durch das Neue Sein, wie es in Jesus als dem Christus erschienen ist" (a.a.O., S. 156), ist.

Im übrigen ist die Frage nach dem Wesen der Seelsorge vorrangig im Blick auf diejenige Seelsorge zu beantworten, die für jeden seelsorgerlichen Umgang exemplarisch ist: nämlich im Blick auf die Seelsorge, die der lebendige Gott in Jesus Christus selbst übt. In Jesus Christus wendet sich Gott dem Menschen zu. Er verharrt nicht in leerer Selbstidentität bei sich. Er tritt vielmehr aus sich heraus. Dieses Geschehen ereignet sich – so durchschaut es der Glaube – in und durch den Menschen Jesus von Nazareth. Da es sich in und durch einen Menschen ereignet – in dem, was er sagt, was er tut, was an ihm geschieht –, ist es anschaulich, konkret, verstehbar. In der Hinwendung Gottes zum Menschen sorgt sich Gott um den Menschen. Dies ist als ursprünglicher seelsorgerlicher Akt zu verstehen. Und Seel-sorge, die durch den Menschen geschieht, ereignet sich als diesbezügliches Entsprechungs-handeln: Der Selbst-Transzendenz Gottes in Jesus Christus entspricht die seelsorgerliche Selbst-Transzendenz des Menschen, der sich um seinen Mitmenschen sorgt, indem er an seinem Leiden teilnimmt. Diese Teilnahme kann in einer Fülle von Ausdrucksformen er-scheinen.


Forschungsperspektiven

Wir unterscheiden existentielle, wachstumsorientierte, schicksalsorientierte Seelsorge. Es gilt, diese Formen der Seelsorge logotherapeutisch zu entfalten, zumal in
allen drei Formen der Seelsorge ein spezifischer Sinn realisiert werden soll. Im Rahmen existentieller Seelsorge geht es um Seelsorge an Menschen, die unter den existentiellen Grundbefindlichkeiten leiden, die jedes Menschsein kennzeichnen und die sich mit diesen existentiellen Grundbefindlichkeiten nicht aussöhnen können. Grundbefindlichkeiten, die ich meine, sind: Angst, Schuld, das Bewußtsein der je eigenen Sterblichkeit und Endlichkeit aller Dinge, Zweifel am Sinn des Lebens, Entfremdung, Unvollkommenheit. In der Perspektive des Glaubens kann der sich in Jesus Christus artikulierende Gott als derjenige wahrgenommen werden, der dem Menschen Mut macht, Angst auf sich zu nehmen. Der dem Menschen auch Mut macht, Schuld als vergeben anzunehmen und sich als derjenige zeigt, der die Tödlichkeit des Lebens überwindet und alles, trotz und angesichts seiner Fragmenthaftigkeit, zu seiner Erfüllung bringen wird.

Im Gegensatz zur existentiellen Seelsorge ist wachstumsorientierte Seelsorge vorrangig am Menschen als einem geschichtlichen Wesen orientiert. Es handelt sich um Seelsorge an Menschen, die der Notwendigkeit, permanent zu wachsen und zu reifen, nicht oder in nicht genügendem Maße entsprechen. Es handelt sich um Menschen, die aus diesem Grunde die einzelnen Lebensphasen nicht voll durchleben und dadurch Schwierigkeiten an Phasen Übergängen haben, ohne neurotisch oder psychotisch zu dekompensieren. Um welche Formen der Seelsorge handelt es sich konkret? Es handelt sich um Seelsorge angesichts der Schwierigkeiten, Kind zu sein (Kinderseelsorge). Um Seelsorge angesichts der Schwierig-keiten, erwachsen zu werden (Jugendseelsorge). Um Seelsorge bezüglich der Schwierig-keiten, die sich in der mittleren Lebensphase zur Lebenskrise verdichten können. Um Seel-
sorge angesichts der Schwierigkeiten, alt und älter zu werden (Altenseelsorge).

Von der wachstumsorientierten Seelsorge kann man die schicksalsorientierte Seelsorge unterscheiden. Während bei der wachstumsorientierten Seelsorge der Mensch als ge-schichtliches Wesen unter lebensprozessualem Aspekt in den Blick gerät, nimmt schicksals-orientierte Seelsorge den Menschen ebenfalls als geschichtliches Wesen wahr, aber unter dem Aspekt der Kontingenz. Schicksalsorientierte Seelsorge ist Seelsorge an Menschen, die ein spezifisches Schicksal getroffen hat. Die es lernen müssen, in konstruktiver Weise mit ihrem Leben umzugehen. Und das im Sinne eines vom Glauben bestimmten Umgangs mit dem Leiden. Es handelt sich um Seelsorge angesichts von Krankheit, Trauer, Behinderung,
Süchten, Suizidgefährdung, Arbeitslosigkeit, Heimatlosigkeit, angesichts spezifischer
Beziehungsprobleme usf.

Im Gespräch mit der Logotherapie ist die Frage zu klären, inwieweit Seelsorge als Sinn-Sorge
aufzufassen ist und wie das seelsorgerliche Gespräch geführt werden sollte, damit man dem Willen zum Sinn, der ja auch den seelsorgerlichen Gesprächspartner bestimmt, gerecht wird.


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